Gerade war es wieder so weit. Ich gebe zu, taktisch habe ich keinen guten Zeitpunkt ausgewählt; doch was sollte ich tun, es ging um den Nachschub. Essen. Trinken. Was zu lesen. Aus dem Alter von Spiel-Spaß-Spannung bin ich ja schließlich raus. Und überhaupt, seitdem der nette Kinderschokoladenjunge durch Kevin ersetzt wurde, schimmert die Erinnerung an die gute alte Zeit in einem trügerischen Licht. Die Gedanken an die Jugend in den 80ern wurde von der Gewißheit heimgesucht, dass sich alles ändert. Veränderung ist gut und unausweichlich – aber eben nicht bei Dingen wie der Verpackung von Kinderschokolade, Zwieback, noch weniger bei Sandmännchen und Sesamstraße. Das sind eben feststehende Größen! Statuen werden ja auch nicht ihrer Zeit angepasst, indem ihnen modischere Frisuren eingemeißelt werden!
Um jetzt allen, die eifrig nicken in den Rücken zu fallen: Es ist mir eigentlich total egal welche Frisur welcher Junge auf wie auch immer gearteten Verpackungen hat. Schlicht und ergreifend egal. Es stimmt mich aber zuversichtlich, dass es tatsächlich Leute gibt, denen so etwas so wichtig ist, dass sie ganze Petitionen starten, um den alten Zustand wiederherzustellen oder beizubehalten. Eigentlich gibt es genug Hilfsorganisationen und Gelegenheiten, bei denen man sich engagieren könnte – so dass man anderen Menschen hilft, anstatt sich das eigene Leben schwerzumachen. Es bleibt zu hoffen, dass das Web 2.0 auf seinem Weg zum Web 3.0 diesen Gedanken, vielleicht einhergehend mit der Open Source-Philosophie aufgreift und ausweitet.
Nach diesem kleinen ideologischen Exkurs zurück zur Story: Ich bin also EINKAUFEN gegangen. Wie es sich für einen Studenten gehört, habe ich Aldi dem danebengelegenen Rewe (wo wir schon bei der Schleichwerbung sind, es gibt ja auch noch Lidl, Penny, Edeka, die Metro usw.) ob seiner attraktiveren Preise willen vorgezogen. Beim betreten des Ladens schon mal ein kritischer Blick auf die Schlange an der Kasse – das Ende verliert sich irgendwo in den Gängen zwischen den Regalen. Egal. Ich bin auf einer Mission! Also, innerhalb von vier Minuten habe ich mich durch die überlegende, nehmende und wiederzurückstellende, lächelnde, finster dreinschauende, großen, kleine, dicke, dünne, interessante und unbeteiligte, vom Sehen bekannte und anonyme Kundschaft des Supermatktdiscounters Nummer eins geschoben. Wußtet ihr eigentlich, dass Aldi nach der Kirche der größte Grundbesitzer in Deutschland ist? Diese Gebrüder Albrecht haben wirklich einen dicken Strahl gemacht! Wie dem auch sei, ich war Teil der konsumierenden Masse, ein Zugehörigkeitsgefühl tat sich auf. Als ich nach dreieinhalb Minuten Blitzeinkauf mit 100 Artikeln in den Armen, hatte wie immer kein Eurostück für einen Einkaufswagen und der Trick mit dem 20-cent-Stück hat diesmal auch nicht funktioniert, an der Kassenschlange angekommen war, wars mit der Zugehörigkeit vorbei. Ihr kennt das Problem – ist das selbe Prinzip wie beim Stau auf der Autobahn. Man möchte möglichst schnell vorankommen und stellt sich in die Schlange, die einem am vielversprechendsten aussieht. Junge, dynamische Leute, die alle was zu tun haben und den Einkauf NICHT als soziales Ereignis sehen. Vertan! habe einen vollbepackten Einkaufswagen einer jungen Mutter übersehen. Der muss durch einen Kameraden weiter vorne verdeckt gewesen sein, als ich meine Abwägungen traf. Schade. Drei Minuten Einkauf, dreißig Minuten Kassenaufenthalt. Ruhig bleiben. Wir Mitteleuropäer sind sowieso viel zu gestresst. Einfach mal fünfe grade sein lassen, ein bisschen rumschauen, lächeln, imaginäre Reggaemusik hören. Eeeeasyyyyy Mann. Nein, das Handy bleibt bewußt in der Tasche – und wenn schon. Es kann durchaus sein, dass ich in den letzten 3 Minuten, in denen ich mich auf meine Mission konzentriert habe, eine Kurznachricht nicht wahrgenommen habe. Aber da macht mir nichts, ich bin ruhig. Ihr seid Deutschland – ich bin die Karibik. Locker, lässig, Lebensfreude.
Umherschauen. Irgendwie tendiert man ja dazu, Leute nach dem, was sie einkaufen, zu bewerten: Hinter mir, bestimmt Informatikstudent… Tiefkühlpizza, Dosenbier, Chips, Cola. Spart wohl das Grüne für den Biodiesel – wegen der Klimakatastrophe sollen ja schlimme Teiten auf uns zukommen. Sozialer Typ.
Eins möchte ich an diesem Punkt richtig stellen: Ich finde ALLE Leute, die pauschalisieren, doof! ![]()
(…)
Plötzlich bin ich schon an der Reihe. Aus meinem auf Standby runtergefahrenen Geisteszustand kann ich leider nicht 7 Artikel pro Sekunde in die Tüte packen. Der Kassierer lächelt freundlich – aber irgendwie kritisch. Ich weiß schon, was der denkt: “Seine Langsamkeit ist ein Zeichen, unterbewußter unsozialer Haltung. Die Gesellschaft ist ihm egal, er glaubt, es dreht sich nur um ihn. Ein Egoist.” Lächeln. “Andererseits könnte die Existenz langsamer Leute wie er es ist, die Rationalisierung meines Arbeitsplatzes durch technische Errungenschaften oder auch durch das Ausbleiben der Kunden durch die Verarmung der Gesellschaft aufhalten. Im Prinzip ist er “zwei” Kunden, also ist das was er tut gut für mich. Ein langsamer Egoist, der mir unbewusster Maßen meinen Arbeitsplatz erhält.” Wieder lächeln. “Nur die Ruhe” sagt er jetzt zu mir. Ich zahle und habe es geschafft!
In meiner gleichzeitigen Funktion als Stabsfeldwebel unserer WG, zuständig für den Truppenteil Zimmer 3 melde ich mir selbst: Herr Stabsfeldwebel, Auftrag ausgeführt! – Danke. Wegtreten.
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