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Verfall der Kommunikationskultur

Das Telefon klingelt… in einem Moment, der durchaus unpassend ist. Man ist gerade zu Tisch, im Auto, in der Bibliothek, in einem Gespräch, unter der Dusche, beim Sport – sprich: man hat sich gerade nicht gelangweilt oder auf den Anruf gewartet. Nun ja, so ist das mit der Erreichbarkeit. Vor einiger Zeit standen die Telefonkosten allerdings längeren Handygesprächen noch entgegen. Dank Base und anderen Flatrates ist dies nicht mehr so.

Freunde rufen an, am Tag oder auch in der Nacht. Eigentlich haben sie nichts zu erzählen – lieber wollen sie unterhalten werden.Voraussetzend, dass der andere genau dasselbe Zeitfenster für ein Telefonat “offen” hat wie sie selbst. Von Lust mal ganz zu schweigen.

Das Telefonierverhalten ist allgemein entartet. Es ist defekt und durch unsere allzu hohe Wertschätzung von sofortiger Erreichbarkeit auch nicht mehr in den Griff zu bekommen. “Wo bist du?” – Wieso, gibts einen Notfall? Wollt ihr mich abholen? Mir beim Getränkekisten tragen helfen?

Früher stand noch an den Telefonzellen: “Fasse Dich kurz…” Heute heißt es eher: “Was für ein Telefoniertyp sind Sie?” Als Vieltelefonierer sollte man sich doch mal eine Flatrate durch den Kopf gehen lassen. Als Wenigtelefonierer auch, denn mit einer Flatrate können Sie immer telefonieren. Einfach so. Wann SIE wollen und solange SIE wollen. Nach dem Telefonierverhalten der Mitmenschen und potentiell Angerufenen wird natürlich nicht gefragt.

Ich beispielsweise bin kein Vieltelefonierer. Ich bin eher ein “Regelmäßig-Email-Checker”. Das ist so viel entspannender! Ich nehme die Informationen auf, wenn ich das möchte, wenn ich die Zeit dazu habe – nicht wenn mich ein polyophoner Firlefanz aus meinem Tag reißt. Briefe und Emails – das sind die RSS-Feeds für persönliche Kommunikation. Alles schnell auf einen Blick. Zeit, sich eine adäquate Antwort durch den Kopf gehen zu lassen…

Nun ja, das gezeichnete Bild ist sicher etwas übertrieben. Und ein schönes Telefonat mit einem Freund, den man lang nicht mehr gesehen hat, ist auch durch nichts zu ersetzen! Aber dieses “Wo bist du”-Gebimmel nervt… inkonsequenterweise gehts aber auch nicht ohne Handy – man stelle sich nur vor, man hat sich verabredet und ist sich nicht mehr sicher, ob der andere das auch richtig verstanden hat: Dann kann ein verständnisvoller “Wo bist du” doch durchaus Zeit und Nerven sparen ;-)

Titelbild von molcatron, Artikelbild von rokoto, beide veröffentlicht unter einer creative commons license.