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Articles & Essays

Bundesverband deutschsprachiger Blogger

Im Rahmen der Themenfindung zum WordCamp Jena kam die Gründung eines Bloggerverbandes zur Sprache. Eine solche Interessenvertretung für Blogger könnte für mehr Aufmerksamkeit nach außen und mehr Zusammenhalt nach innen sorgen.

Bezüglich dieser Idee besteht viel Diskussionsbedarf. Zunächst einmal wäre es fraglich, wen genau ein solcher Verband vertritt. Der Vorschlag “Bundesverband deutschsprachiger Blogger” beinhaltet meines Erachtens kleine Fallstricke: Ein Bundesverband impliziert die deutschlandweite Geltung. Was ist mit den anderen deutschsprachigen Bloggern aus Luxemburg, Belgien, Österreich, Italien, der Schweiz oder sonstwo auf der Welt? Es scheint sinnvoll, alle deutschsprachigen Blogger in diese Interessenvertretung mit einzubeziehen, unabhängig von ihrem Wohn- bzw. Aufenthaltsort. Ein “Bundesverband” bietet sich also nicht an. Andererseits wäre vielleicht eine auf Deutschland beschränkte Interessenvertretung auch denkbar, da diese ihre “Lobbyarbeit” innerhalb Deutschlands bündeln könnte – dann wären aber alle in Deutschland bloggenden englisch- oder anderssprachigen Blogger ausgeschlossen.

Beim weiteren Nachdenken erscheint diese doppelte Einschränkung auf Deutschland und die deutsche Sprache im Sinne einer effektiven Interessenvertretung nicht ganz abwegig. Dennoch halte ich sie für völlig unvereinbar mit den eigentlichen Werten der Blogosphäre, was ich schon im Upload Magazin zu bedenken gab.

Letztendlich muss sich die Frage der Reichweite eines Bloggerverbandes an seinen Aufgaben orientieren. Was könnten diese sein? Diese Frage stellt sich auch der eigentliche Diskussionsführer Alper Iseri. Ein Bundesverband als Sprachrohr für Blogger könnte die Organisationseinheit zahlreicher Aktivitäten darstellen:

  • Regelmäßige Treffen zwischen den Mitgliedern organisieren und so einen Gedankenaustausch fördern.
  • Selbstverpflichtende Grundregeln verfassen, die eine Art Ethik-Richtlinie für das Bloggen darstellen könnte.
  • Große öffentlichkeitswirksame Blogpostings ihrer Mitglieder forcieren, um ein bestimmtes Thema in die breite Öffentlichkeit zu bringen.
  • Rechtsbeistand bei unklaren Fragen und Mitgliederhotline.
  • Schaffung gemeinsamer Studien zur Veröffentlichung und Generierung von Aufmerksamkeit durch die Medien.
  • Lobbyarbeit für deutschsprachige Blogger und ihre Wünsche und Anforderungen an den Gesetzgeber.
  • Pressearbeit
  • Grundlagen und Informationen für Jugend- und Datenschutz

Die Idee ist interessant – Blogs könnten durch ein gemeinsames Sprachrohr mehr Macht durch eine gebündelte Medienpräsenz erhalten. Doch gerade das erscheint mir problematisch. Eine Interessenvertretung für Blogger würde genau das institutionalisieren, was ihren Reiz gerade durch die Institutionenlosigkeit ausmacht! Die Blogosphäre zeichnet sich durch ihre Unabhängigkeit aus, große Themen entstehen durch eine “Schwarmintelligenz“.

Ein Bundesverband deutschsprachiger Blogger würde und kann nicht die gesamte deutsche oder deutschsprachige Blogosphäre repräsentieren – wahrscheinlich verfolgt er auch gar nicht diesen Anspruch. Allerdings würde ein solcher Verband eine Hierarchie unter den Bloggern einführen, die für Blogs als sogenannte “fünfte Gewalt” kontraproduktiv wäre.

Man sollte aber eine solche Interessenvertretung nicht von vornherein ablehnen – man sollte vielmehr die unterschliedlichen Ziele abwägen:

Die Idee der selbstverpflichtenden Grundregeln als “Code of Ethics” finde ich beispielsweise gut. Solche Regeln könnten neuen Bloggern nicht nur eine Hilfestellung geben, sondern auch das allgemeine Verhalten in der Anonymität des Internets an wenigen Punkten justieren helfen. Natürlich bringen Regeln nur etwas, wenn sie beachtet werden. Doch gerade eine Selbstverpflichtung würde in diesem Rahmen einen guten Mittelweg zwischen Unabhängigkeit und minimaler Regelkonformität (Achtung: Reizwort!) darstellen.

Die Forcierung großer öffentlichkeitswirksamer Blogpostings ist sehr bedenklich! WER genau würde diese Postings forcieren? Der Verband! Aber geschieht das nicht auch jetzt schon im Wege der Vernetzung und Aggregatoren wie Rivva? Würden wir unsere freie demokratische Vernetzung nicht gegen eine von den Medien mehr beachtete gesteuerte Instanz eintauschen? Wenn ein Thema viele angeht, dann findet es seinen Weg in die Öffentlichkeit – jüngstes Beispiel ist die Abmahnung von netzpolitik.org durch die Deutsche Bahn. Die Solidarität in der Blogosphäre war überwältigend und auch das Medienecho hallte von jeder großen Onlineredaktion wider.

Um sich ein wirkliches Urteil zu bilden, sollte man weitere Aspekte abwarten, die durch die Diskussion zu Tage gefördert werden. Knackpunkt wird sein, welche Aufgaben sich ein solcher Verband zuschreibt. Weitere Blogs befassen sich mit dem Thema und sind zur Erfassung des Diskussionsstandes durchaus einen Besuch wert:

Was haltet ihr davon? Falls ihr Euch bereits eine Meinung gebildet habt, stimmt bitte kurz bei der Umfrage des Upload Magazins ab. Falls noch Diskussionsbedarf besteht, bin ich an jedem neuen Aspekt interessiert. Einfach kommentieren.

UPDATE:

Auch Robert Basic und Pierre Markuse äußern sich zum Thema. Neu ist der Vergleich einer möglichen Interessenvertretung für Blogger in Deutschland mit der Electronic Frontier Foundation.

“Die EFH ist eine im Juli 1990 von John Perry Barlow und Mitchell Kapor gegründete nichtstaatliche Organisation mit Sitz in San Francisco, die sich mit den Bürgerrechten im Cyberspace beschäftigt. Ziel ist eine mediale Selbstbestimmung des Bürgers. Die Arbeit der EFF konzentriert sich hauptsächlich auf Nordamerika. Im Februar 2007 wurde in Brüssel ein Büro für Europa eröffnet.”

Discussion

5 comments for “Bundesverband deutschsprachiger Blogger”

  1. Ich hatte mir hierzu bereits in meinem Blogartikel Gedanken gemacht. Grundsätzlich finde ich es interessant, wenn das Bewußtsein in der Öffentlichkeit und in der Politik durch gute Lobbyarbeit geschärft wird. Doch alle Interessen aller Blogger zu vereinen wird ein schier unmöglich sein.

    Posted by Mike Schnoor | February 5, 2009, 12:58 pm
  2. [...] Februar 2009 Weil die Bahn AG Netzpolitik.org abgemahnt hat, wird ein aktuell über einen Bloggerverband als schlagkräftige Lobbyorganisation [...]

    Posted by Bloggerschutzverein? « Verwickeltes | February 5, 2009, 2:33 pm
  3. [...] Interessante Gedanker zu Idee auch bei der Denkfabriq… [...]

    Posted by Bundesverband deutschsprachiger Blogger? | Pierre Markuse | February 5, 2009, 9:12 pm
  4. Ich möchte die Idee auf gar keinen Fall in irgendeiner Art und Weise schlecht reden. Aber ich möchte meinen ersten Gedanken präsentieren, den ich hatte, als ich den Artikel las: Typisch Deutsch!

    Irgendwie ist es doch immer so…suche dir 7 Leute, die den gleichen “Quatsch” veranstalten wie du und schon seid ihr nen Verein und rührt wieder in einem Topf.

    Zugegebenermaßen bin ich kein Freund der ganzen Vereinsmeierei…

    Trotzdem bin ich gespannt, wie die Entwicklung der Idee rund um die IG Blog weitergeht…

    Posted by Jens | February 6, 2009, 12:50 pm
  5. Hallo,

    nachdem jetzt wieder eine “Abmahnungswelle” rollt, bin ich auf die Diskussion um eine Interessenvertretung für Blogger gestoßen. Gibt es schon Fortschritte oder ist die Idee im Sande verlaufen? Im Netz sind keine Fortschritte recherchierbar…

    Grüße

    Posted by Reinhardt | April 20, 2010, 2:31 pm

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