
aus dem Kurzfilm "Address is Approximate" von Tom Jenkins
Stellt euch vor, ihr wärt eine kleine Spielfigur. Ein kleines Männchen, das auf einem Schreibtisch wohnt. Zum Glück wäre es der Schreibtisch eines kreativen Menschen und nicht etwa eines Juristen oder Politikers – aber trotzdem würde euch dieser Schreibtisch und die immer selbe Routine irgendwann zu eintönig. Die ganze Welt wäre für euch als kleine Spielfigur dieses Arbeitszimmer und das, was vor dem Fenster passiert. Die gedämpften Geräusche, die von der Straße heraufdrängen, die Zweige der Bäume, die im Wind tanzen; ab und zu fliegt ein Vogel vorbei.
Stellt euch vor, ihr würdet diesen Vögeln nachschauen. Ob diese Geschöpfe ihre naturgegebene, grenzenlose Freiheit zu schätzen wissen? Ob sie morgens aufwachen mit Freudentränen in ihren kleinen Augen, weil ihnen bewußt ist, dass sie nicht nur unbeschreiblich frei sind, sondern auch noch fliegen können? Bestimmt plustern sie sich deshalb manchmal so auf, wenn sie auf einem Ast vor einem Fenster sitzen. Sie sind stolz – und das ganz zu recht.
Stellt euch vor, ihr, als das kleine Männchen vom Schreibtisch, würdet euch danach sehnen, die Welt zu entdecken. Große Städte, das Meer, Berge und Wälder. Ihr würdet die Menschen beneiden. Die sind zwar nicht so frei, wie die Vögel, aber trotzdem können sie jederzeit aus ihrem Alltag, ihrer schmerzlichen Routine, ausbrechen. Weggehen und die Welt spüren. Sich selbst spüren. Spüren, dass sie am Leben sind. Reisen. Die Menschen können zwar nicht fliegen, zumindest nicht aus eigener Kraft – naja und wenn, dann nur als Folge eines Sprunges und nicht besonders lange – aber sie können eigentlich jederzeit gehen, wohin sie wollen. Alles, was sie aufhält, entstammt selbstgemachten Fesseln: Vage Verpflichtungen, die sie irgendwann eingegangen sind, weil man so etwas als Mensch nun mal tut. Abhängigkeiten, Ängste, Zweifel – wie ein gläsernes Hindernis zwischen ihnen und ihrem Fernweh, ihrer Sehnsucht nach Glück.

Die Bucht von Lekeitio/Euskadi
Vielleicht ist aber das größte Hindernis für einen Menschen, sich zu verändern, zu reisen, oder einfach nur fortzugehen, genau diese Möglichkeit, es eben jederzeit tun zu können. Denn Dinge, die jederzeit möglich erscheinen, werden oft zwischen den Mahlsteinen von Verfügbarkeit und Trägheit zerrieben. Übrig bleibt nur der Staub des Zweifels.
Doch, stellt euch vor, das Männchen findet eine Möglichkeit, die Welt zu betrachten. Die wahre, wirkliche Welt, genauso, wie sie draußen vor dem Fenster in jeder Sekunde seines Lebens passiert. Das Männchen setzt sich in ein kleines Auto und fährt in das Kino der Neuzeit. Im Internet findet es eine Kopie der Welt. Dass es nur eine Kopie ist, macht ihm nichts, denn eine Kopie ist schließlich ein Abbild der Realität und damit auch echt. Irgendwie.
Der Computerbildschirm ist ein weiteres Fenster zu unserer Welt, aus unserer Welt. Ein großer Nachteil ist zwar, dass man dieses Fenster nicht öffnen kann. Ein Vorteil liegt aber darin, dass man selbst bestimmen kann, was vor diesem Fenster passiert.
Das Männchen sitzt also im Auto und ein kleiner Helfer klickt es durch die große Weite Welt. Seine Reise beginnt in New York, führt es immer weiter nach Westen, durchquert Wälder und weite Ebenen, bis es schließlich im Rauschen des Pazifiks sein Glück findet. Ganz wie ein Vogel. Vielleicht.
Zu verdanken haben wir diesen Kurzfilm dem Briten Tom Jenkins. Bis auf die Musik, die vom Cinematic Orchestra stammt, hat er alles selbst gemacht. Zu seiner Ausrüstung gehörte eine (oder besser gesagt DIE) digitale Spiegelreflexkamera Canon 5d MKII, als Software kam Dragonframe Stop Motion zum Einsatz.
Das Besondere an diesem Kurzfilm ist, die wunderbare Idee, eine Reise nur mit Google Streetview anzutreten. Die in den Sommermonaten Daheimgebliebenen machen wohl bald nicht mehr “Urlaub auf Balkonien”, sondern in “Streetviewistan”.






1 Anmerkung vom Qualitätsmanagement
Eine satirische Betrachtung des Internetzeitalters | denkfabriq says:
Nov 28, 2011
[...] Heutzutage kann man zwar für relativ wenig Geld nach Australien oder Kanada fliegen – muss man aber nicht. Auf Google Street View sieht man eigentlich auch alles und muss dafür noch nicht einmal zahlen; [...]