Es geht mal wieder ums Prinzip: In ihrem Artikel “Wie meine Tweets im ZDF wieder auftauchten” beschwert sich eine Nutzerin des Microbloggingdienstes Twitter darüber, dass der Moderator Klaas Heufer-Umlauf einen Satz, den sie auf Twitter veröffentlichte (“Tweet”), als Gag in seiner Show brachte – und zwar ohne sie vorher zu fragen oder ihren Namen zu nennen. Skandal! Ihre moralische Anklage beginnt folgendermaßen:
Hallo, mein Name ist Ada Blitzkrieg und ich bin wütend.
In der Sendung Neoparadise auf ZDFneo bediente sich Klaas Heufer-Umlauf gestern eines meines Toptweets um einen guten Lacher für die Sendung abzugreifen. Nun gut, ich saß zufällig auf dem Sofa und schaute mir die Neoparadise Sendung an und zuckte regelrecht zusammen, als mein Tweet von Klaas präsentiert wurde als sei es ein eigener Witz.
Quelle: textkrieg.de – Wie meine Tweets im ZDF wieder auftauchten
Neulich wurde mir noch zugetragen, ich solle internetaffine Dinge einfacher schildern. Wie könnte man dieses prekäre Unterfangen Menschen erklären, die nicht sonderlich vertraut mit dem Internet sind? Oft hilft es, wenn man digitale Sachverhalte auf die analoge Welt überträgt. Am besten etwas altmodisch, retro ist schließlich in: Die Bestohlene gibt also an, einen witzigen Satz auf einer für jedermann zugänglichen Internetplattform veröffentlicht zu haben. Dies wäre in etwa so, als wenn man einen Witz in der U-Bahn erzählt, wissend, dass der ganze Waggon zuhört. Ein Mitreisender amüsiert sich über diesen Witz und gibt ihn einige Zeit später bei einer Büttenrede zum Besten. Karneval und so.
Zugegeben, der Vergleich hinkt – denn es gibt da noch ein schwerwiegendes Detail, von dem ich leider nicht wusste, wie ich es unterbringen sollte: Es handelt sich offensichtlich nicht einfach nur um irgendeinen Satz oder Witz, sondern um einen Toptweet! Eins der besten Pferde im Stall. Wie kann man einen Toptweet am besten erklären…? Stellt euch einfach vor, ein normaler Tweet wär’ so “BÄM!”. Dann wäre ein Toptweet “BÄM bäBÄM!” Klar geworden? Nun wurde über diesen Toptweet bereits so viel Tinte vergossen, aber habt ihr das Baby überhaupt schon zu Gesicht bekommen? Also, schnallt euch an, die Wortrakete startet:
Spielen Plattenbaukinder eigentlich statt “Vater, Mutter, Kind” eher “Mutter, Kind, Kind, Kind, Kind, Kind, Kind?”
Quelle: @bangpowwww auf Twitter, veröffentlicht vor etwa 10 Monaten.
Das wars – darum geht es. Verwendet hat Klaas diesen Satz in der Sendung NeoParadise am 01. Dezember 2011, etwa bei Minute 34. Der Satz ist für die Verfasserin augenscheinlich besonders wichtig. Urheberrechtlich ist das leider irrelevant. Eine kurze Einführung in das Urheberrecht gibt die Wikipedia:
Als Schöpfungshöhe (auch: Gestaltungshöhe, Werkhöhe) wird im Urheberrecht der Bundesrepublik Deutschland das Maß an Individualität (persönlicher geistiger Schöpfung) in einem Produkt geistiger Arbeit bezeichnet. Es entscheidet darüber, ob ein „Werk“ vorliegt und insofern Urheberrechte bestehen können. In der Praxis wird der Begriff vor allem als Ja/Nein-Option verwendet: Schöpfungshöhe muss gegeben sein, um einem solchen Produkt Werkcharakter und damit Urheberrechtsschutz zusprechen zu können, mangelnde Schöpfungshöhe begründet dagegen Gemeinfreiheit. Die Schöpfungshöhe stellt als notwendige Bedingung sozusagen die Untergrenze des Urheberrechtsschutzes dar.
Quelle: Wikipedia – “Schöpfungshöhe”
Mangelnde Schöpfungshöhe begründet Gemeinfreiheit. Soll heißen: “Für eine Belanglosigkeit kann man zwar Kohle verlangen, hat aber keinen rechtlichen Anspruch darauf. Sie gehört der Allgemeinheit.” Ob ein Tweet, der ja immerhin bis zu 140 Zeichen lang sein kann, die nötige Schöpfungshöhe aufweist, um Werkcharakter zu haben und somit Urheberrechtsschutz zu genießen, muss wohl im Einzelfall entschieden werden. Im vorliegenden Fall dürfte ein Urheberrechtsschutz im Ergebnis allerdings abzulehnen sein.
Maßgeblich ist, dass eine schöpferisch wertvolle und daher schutzwürdige Errungenschaft erschaffen wurde.Sie ist jedoch scharf von Durchschnittsgestaltungen, Alltäglichem, Banalem und reinen Handwerksleistungen abzugrenzen, die das notwendige Maß an schöpferischem Inhalt verfehlen, somit unterhalb der kleinen Münze anzusiedeln sind und urheberrechtlich folglich keinen Schutz für sich beanspruchen können.
Quelle: Wikipedia – “Kleine Münze”
Arno Lampmann, Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz, äußert sich übrigens zu einem ähnlichen Fall. Sein Fazit passt hervorragend in den Kontext. Sie erlauben:
Wenn ein Tweet urheberrechtliche Schöpfungshöhe erreicht, ist seine Weiterverbreitung unzulässig, egal, ob mittels neuem Tweet oder Retweet. In tatsächlicher Hinsicht dürfte es aber den Urheber weniger verärgern und vielleicht sogar freuen, wenn sein pfiffiger Spruch unter Verweis auf seine Urheberschaft verbreitet wird. Vielleicht hält der aber aus Angst vor Rache der Twittergemeinde auch einfach still, denn laut twitkrit steht in der Twittergemeinde der
“sich ärgernde Autor als grüner, eifersüchtiger Gnom da, der aus reiner Missgunst – ja, aus purem Geiz – auf seine Referenz pocht.”
Aha.
Quelle: Arno Lampmann im blog von lbr-law.de: Abmahnungen wegen Urheberrechtsverletzung auf Twitter?
Wenn wir ehrlich sind, geht es doch eigentlich gar nicht um die rechtliche Würdigung dieser Angelegenheit, oder? Immerhin hat die Betroffene trotz Wut und Enttäuschung von einer rechtlichen Verfolgung der Sache abgesehen. Im Kern prallen hier zwei völlig verschiedene Wertungen aufeinander: Einerseits die Ansicht, dass auch ein Verfasser einer kurzen Notiz bei Verwendung dieser ein Anrecht auf namentliche Erwähnung und Bezahlung hat. Andererseits die Überzeugung, dass eine für jeden sichtbare Statusmeldung eine Belanglosigkeit darstellt und es weltfremd ist, dafür irgendwelche Ansprüche zu stellen. Rechtlich hat wohl letztere Meinung mehr Gewicht, moralisch ist das eine Charakterfrage.
Doch zurück nach Berlin: Was ist eigentlich das konkrete Anliegen der Twitter-Nutzerin? Neben einer namentlichen Erwähnung geht es ihr um folgendes:
Liebes ZDF, Lieber Klaas,
Wenn Euch meine Witze gefallen, dann tut mir den Gefallen und bezahlt mich für Texte, Pressetexte, Dialoge und Showlacher, denn ich freue mich, wenn ich Geld verdiene kann und Ihr habt bezahlt und müsst kein schlechtes Gewissen haben. Wie wäre das?
Quelle: textkrieg.de – Wie meine Tweets im ZDF wieder auftauchten
Irgendwie kann man den Ärger der Twitteranerin ja nachvollziehen. Schließlich geht es hier nicht um einen einfachen Re-Tweet eines anderen Nutzers, sondern um die Verwendung eines Satzes im Programm eines öffentlich-rechtlichen Senders. Es ist zu unterstellen, dass genug Geld für eine finanzielle Abspeisung junger Texter vorhanden wäre. Erschwerend sei erwähnt, dass der böse Klaas noch einen Tweet der Betroffenen nutzte, und zwar in einer Radioshow mit dem geschätzten Jan Böhmermann. Dies ändert im Ergebnis zwar nichts, macht die Forderung nach Bezahlung aber etwas verständlicher: Wenn sich ein Moderator häufiger an der (urheberrechtlich zwar nicht geschützten) Leistung einer anderen Person bedient, könnte diese sich vielleicht wünschen, in das Team von Schreibern & Textern augenommen zu werden, das an der Vorbereitung einer Show beteiligt ist. So, wie es Klaas Gerüchten zufolge mit ‘Herms’ von Hermsfarm gemacht hat, der nun (zu Recht) fester Bestandteil des Paradise-Teams ist. Ein solches “entdeckt-werden” ist gerade für junge Freiberufler und Kreative ein Traum, der mit Hilfe von Twitter und anderen sozialen Netzwerken heute einfacher denn je wahr werden kann. Ein Anspruch darauf besteht leider nicht.
Ein weiterer oder vermutlich sogar der eigentliche Stein des Anstoßes ist, dass Klaas die “spontane” Verwendung des Tweets damit rechtfertigte, dass ihm “unter Druck nichts anderes eingefallen” sei. Zu dem Zeitpunkt hatte er ihn anscheinend schon zuvor mindestens einmal verwendet. Von Spontaneität also keine Spur. Das ist in diesem Zusammenhang höchst unglücklich, da dies (und nur dies) eine gewisse Angriffsfläche bietet. Dass diese unnötige Defensivposition nun weiteren Ärger nach sich zieht, ist vorprogrammiert und nicht unberechtigt. Nichtsdestotrotz wird die Ansicht des Opfers nicht von allen Lesern ihres Beitrags geteilt. Die Kommentarfunktion zu ihrem Beitrag ist mittlerweile geschlossen. Schade eigentlich, denn bei dem Blogbeitrag als Zentrum des Anliegens hätte eine durchaus konstruktive Diskussion zum Thema Schöpfungshöhe bei Tweets entstehen können. Andererseits war eine Diskussion zu diesem Thema nicht erklärtes Ziel des Beitrags – es ging um Kenntnisnahme und eine Reaktion von Klaas, die wohl auch kommen wird. Einige kritische Kommentare sind lobenswerter Weise dennoch zu lesen. Hier ein Auszug:
Dörte 02 December 2011 at 15h07
Ich hab mit 15 auch mal mein Mofa unabgeschlossen vorm Elternhaus stehen lassen und dann geheult, weil’s weg war. So gemein!
Ada Blitzkrieg 02 December 2011 at 15h27
Ich klage den Sachverhalt auch nicht rechtlich an, sondern moralisch. Aber ich werde mich vorerst nicht weiter dazu äussern und Klaas die Möglichkeit einreichen Stellung zu beziehen. Herzlichen Dank fürs Lesen und die Kenntnisnahme!
Jonas 02 December 2011 at 15h32
Es steht im Netz, es ist für jeden verfügbar, du hast Pech gehabt! Heul nit rum!
Kaiser 02 December 2011 at 15h39
den Hermsfarm hat Klaas auch bei twitter entdeckt und dafür gesorgt, dass er nun im ParadiseTEAM ist. Soll er es doch so auch mit dir machen! Ich verstehe deinen Ärger und bin mir sicher, dass er noch mehr von dir benutzt hat!
Torsten 02 December 2011 at 15h54
Ist hier irgendwo eine versteckte Kamera installiert oder meinst du das tatsächlich ernst?
Einzelne Tweets haben nur in den allerseltensten Fällen eine nachweisliche Schöpfungshöhe. Denke nicht, daß die bei deinen Tweets gegeben ist.
Fabian 02 December 2011 at 15h55
schade das dir die dicken eier abhanden gekommen sind, die du in deinen texten immer so großstädtisch auf den tisch legst. ansonsten wäre dir ja wohl eine kreativere antwort aus der tastatur gefallen als diese tränendrüsenflüssigkeit. bin mir sicher klaas wird sich nicht lumpen lassen.
Ada Blitzkrieg 02 December 2011 at 16h06
Fabian, ganz einfach. Ich verdiene mein Geld damit und bin professionell genug den Fall sachlich zu lösen. Das unterscheidet mich von vielen der Kommentatoren hier und ist eine gute Referenz für meine Person und meine Arbeit.
Dicke Eier hat der, der sachlich bleibt.
Quelle: textkrieg.de – Wie meine Tweets im ZDF wieder auftauchten
Wie gesagt, es gibt unterschiedliche Auffassungen zu diesem Thema. Die weiteren Diskussionen zum Thema Schöpfungshöhe von Tweets oder Statusmeldungen werden sicherlich interessant sein. Was haltet ihr vorerst von folgender Einschätzung:
Der Lohn für einen Tweet ist Aufmerksamkeit. Durch Aufmerksamkeit bekommt man Aufträge. Für Aufträge bekommt man Geld. Für einen Tweet Geld zu verlangen ist, als wenn ein Ober fürs Bestellung aufnehmen schon im Voraus 50 cent verlangt. Ein späteres Lob oder “Trinkgeld” kann dennoch durchaus angemessen sein. Wer gelesen werden will, muss nun mal schreiben. Ein Autor braucht heute keinen Verlag mehr, es gibt genug öffentliche Kanäle, über die er Aufmerksamkeit erwecken kann – wenn man diese nutzt, bitte unbedingt darauf achten, dass man die Kirche im Dorf läßt.







1 Anmerkung vom Qualitätsmanagement
fish says:
Dec 5, 2011
Es geht doch nicht darum, dass ein Witz weitererzählt wurde.
Es geht darum, dass von einem Comedian original content erwartet wird, hier aber scheinbar ein Teil der redaktionelle Arbeit daraus besteht, fremde inhalte zu kopieren und als die eigenen auszugeben.
Desweiteren geht es an keiner Stelle des Artikels um rechtliche Konsequenzen. Es geht lediglich um die Enttäuschung das Inhalte (Schöpfungshöhe hin oder her) als solche, als Produkt, von Dritten zu Geld gemacht wird.
Die Kommentare wurden, wie auch auf der Seite erklärt, weder aus Kritikscheue noch auf Grunde der Unsachlichkeit vieler Kommentare deaktiviert sondern schlicht weil der Server die Last nicht verkraftete.